Mehringen erlebt Premiere
Mitteldeutsch Zeitung, 02.Juni 2026
Die Landesmeisterschaften im Holzrücken finden erstmals nicht im Harz, sondern in Mehringen statt. Profis, Anfänger und Hobbysportler messen sich auf einem Acker.

Von Detlef Anders
Mehringen/MZ. Anke Siemandel hält die Riemen fest und schüttelt ihn dann. „Brrt” und „hütt” sagt sie leise zu ihrem Pferd, das einen kleinen Schritt vorwärts macht oder anhält. Im Schlepptau hat Toni, ein 20-jähriges Pferd der Wienröderin, einen fast zehn Meter langen Baumstamm. Damit bewältigt das Pferd einen Parcours von 13 Hindernissen und Aufgaben, die auf einem Acker zwischen Mehringen und Drohndorf aufgebaut sind.

In Mehringen wird erstmals die Landesmeisterschaft im Holzrücken ausgetragen. Zahlreiche Zuschauer lassen sich das Spektakel nicht entgehen. Jede Aufgabe, jedes Hindernis, hat einen Namen. „Gisela” ist ein Schiebehindernis, bei dem ein Stammabschnitt auf einer Art Stapel ein bestimmtes Teilstück nach oben geschoben werden muss. Auf der Konstruktion sitzt eine alte Schaufensterpuppe, die den Namen bekommen hat, erklärt Carolin Seidel lachend. Sie ist Vorstandsmitglied des Landesverbandes der Interessengemeinschaft Zugpferde. Erstmals richtet diese in Mehringen eine Landesmeisterschaft aus.
Dann gibt es eine Rückegasse mit Schranke, einen Knüppeldamm oder einen Wassergraben. Auf einem Wickeltisch muss der Baumstamm nach oben gerollt werden und auf dem „Tisch” liegenbleiben. Ein „Schlitten” muss rückwärts reingeschoben werden, bis eine Glocke läutet. Zwischendurch müssen die Fuhrleute ihr Gespann anhalten und auch noch anständig Holzhacken, ohne dass die Pferde scheuen.

Anke Siemandel aus Wienrode versucht mit Toni den Stamm auf eine Art Wippe zu legen. FOTO: DETLEF ANDERS
„Das ist ein sehr anspruchsvoller Parcours”, schätzt Carolin Seidel ein. Einige Teilnehmer mussten aufhören, weil ihre Pferde an ihre Grenzen kamen. „Wenn wir merken, wir überfordern uns oder unsere Pferde, dann hören wir auf“, sagt sie. Viele der Teilnehmer seien absolute Amateure und Anfänger, während vereinzelt auch Profis starten, die das seit vielen Jahren beruflich machen. So wie die Familie Kaufmann aus Brandenburg.
Die Landesmeisterschaft ist offen für alle Interessenten, so dass manche weit angereist sind. Für die Deutschen Meisterschaften qualifizieren sich aber nur Sachsen-Anhalter als Landessieger. “Das ist eine Art Freundetreffen”, erklärt Seidel. Tagsüber sind die Wettkämpfe und am Samstag-Abend wird in geselliger Runde zusammengesessen.
Die Pferde sind alle Kaltblüter mit mindestens 550 Kilogramm Gewicht. Vor die Baumstämme könne man keine kleinen Shetlandponys spannen, sagt Caroline Seidel. Dass Pferde und Fuhrleute ein aufeinander eingespieltes Team sein müssen, erklärt auch Moderator Jürgen Böhm aus Westdorf den Besuchern. Er berichtet auch, dass das Schieben für manche Pferde etwas fremd sei, weil sie sonst nur an das Ziehen gewöhnt wären, oder woher die Kaltblüter wie die Noriker stammen und in welchen Farben es sie gibt, oder warum ein Starter mal nicht antritt.
Anke Siemandel macht ihren Job in den Harzer Wäldern schon seit fast 40 Jahren. Mit Toni war sie schon 22-Mal mit den Einspännern oder Zweispännern Landesmeister und sogar schon deutsche Meisterin und ist bereits mit ihm bei Europameisterschaften gestartet. „Man muss ihn immer ganz schön am Zügel halten”, erklärt sie ihren eigenen Körpereinsatz. Die meisten Starter sind mit zwei Pferden am Sonnabend bei den Einspännern unterwegs.
Bei den Zuschauern kommt die Veranstaltung an. „Ich bin bei sowas immer dabei. Das ist einfach interessant”, erklärt Walter Büchner aus Hoym. „Schön, dass noch mehr hierherkommt”, sagt Kay Thormann, der mit seinen Zweitaktfreunden die jährlichen Oldtimertreffen in Mehringen organisiert. „Das ist mal was anderes, als nur mit den Pferden im Kreis zu reiten“, stellt er schmunzelnd fest. „Ich bin mit Pferden groß geworden”, berichtet Gerhard Kasten. Wenn es Veranstaltungen mit Pferden gibt, dann sieht er immer gern zu.

„In Mehringen ist einfach mehr Platz als in Freckleben“, sagt Frecklebens Ortsbürgermeister Frank Hängen. Die erste Anfrage des Landesverbandes sei bei ihnen angekommen, weiß er. Seine Ratsmitglieder Marcel Hänsgen und Wolfram Kiefer unterstützen das Event in Mehringen aktiv. Am 30. September sei wieder ein Pflügen in Freckleben, kündigt Kiefer an. „Das ist mal ein anderes Thema mit Pferden”, lobt er die Veranstaltung. „Das sind mal Pferde, die ihr Brot selber verdienen“, erklärt er. Man findet an jeder Ecke Pferde, die man kaufen kann, aber kaum Pferde, die ihren eigenen Mist wegziehen.
Doreen Wolter vom Organisationsteam ist am Sonnabend zufrieden mit der Teilnehmerzahl und den Zuschauern. Am Sonntag kommen sogar noch mehr Zuschauer auf den Platz. Doch nach dem zweiten Regenguss fuhren viele Gäste leider wieder, schildert Carolin Seidel am Nachmittag.
Die Landesmeister
20 Starts gab es bei den Ein-
spännern und sechs bei den An-
fängern am Sonnabend.
Gesamtsieger der Einspänner
wurde Hardy Kaufmann aus
Brandenburg, bei den Zwei-
spännern am Sonntag holte sich
sein Bruder Mario Kaufmann
den Sieg.
Die Landesmeisterwertung
der Einspänner gewann Rocco
Rösch aus Zerbst. Landesmeis-
ter der Zweispänner wurde Paul
Fehse aus der Nähe von Garde-
legen vor seinem Sohn Paul.
Bei den Einsteigern setzte sich
Dirk Ackermann, auch aus der
Nähe von Gardelegen, durch.
DAN
