Risse in der Kirchturmspitze
Mitteldeutsche Zeitung, 21.Mai 2026
Der Wechsel der Kirchenglocken in Mehringen führte durch ungeeignete Befestigung zu Schwingungen der Kirchturmspitze und Schäden an den Fugen und der Zwischendecke.

Mit EU-Geldern soll der Turm jetzt repariert werden.
FOTO: DETLEF ANDERS
Von Detlef Anders
Mehringen/MZ. Die Mehringer St. Stephani-Kirche prägt mit ihrem 1881 im gotischen Stil erbauten 35,6 Meter hohen Kirchturm das Ortsbild. Dass der Turm momentan eingerüstet ist, hängt mit einem von außen nur selten sichtbaren Mangel zusammen. Wenn die Kirchenglocken zuletzt zum Gottesdienst riefen, dann vibrierte nämlich die Kirchturmspitze, berichtet Klaus Kilian, seit 2024 Vorsitzender des Gemeindekirchenrates.
Läuten führte zu Schäden
Das Dach des Turms wurde durch das vibrierende Kreuz auf der Turmspitze undicht. Die Firma, die sich um die Glocken und die Turmuhr kümmerte, sah die Ursache in der Übertragung der Schwingungen vom hölzernen Glockenstuhl auf die Turmmauern. Selbst die Turmspitze ist gemauert. Zwar hatte es in den 1990er Jahren mal eine Reparatur gegeben, doch durch die übertragenen Schwingungen entstanden erneut Risse. Wasser drang hinter den Zinktafeln in den Turm ein, weil das Fugenmaterial bröckelte. Die Zwischendecke im Turm ist im Laufe der Jahre morsch geworden, weil das Holz durch die Feuchtigkeit gelitten hatte. Nicht nur diese Zwischendecke, auch die Fugen der Ziegelsteine müssen erneuert werden.
Die Mehringer haben sich die Schäden vor einiger Zeit mit Hilfe einer Drohne genauer angesehen und den dringenden Handlungsbedarf festgestellt. Daraufhin sprachen sie mit den zuständigen Denkmalbehörden. „Die Glocken müssen raus“, war bald klar. „Man hat in den alten Holzglockenstuhl einfach einen Stahlglockenstuhl reingestellt und die riesige Stahlglocke und die andere Glocke reingehängt“, berichtet Klaus Kilian.
Die Sachverständigen hätten dazu geraten, die alten Glocken nicht wieder im Glockenstuhl aufzuhängen. Eigentlich hätten Stahlglocken nur 60 Jahre Lebensdauer. Inzwischen sind sie bereits 100 Jahre alt. „Kein Mensch weiß, ob sie nochmal 20 oder 50 Jahre halten.“ Ihnen sei geraten worden, die alten Glocken zu zerschlagen und neue zu besorgen.
Ausstellung statt Zerstörung
Die Mehringer ließen die voraussichtlichen Kosten schätzen und stellten einen Förderantrag. Die 2024 neu gegründete Leader-Gruppe konnte kurzfristig EU-Fördergelder verteilen. „Wir haben eine interessante Geschichte mit den Glocken, die mal in der Kirche waren“, sagt Kilian. Diese Geschichte soll Anlass für eine im Turm geplante Ausstellung sein. Mit dieser Idee punkten die Mehringer bei der Leader-Gruppe. 250.000 Euro Zuschuss aus dem sogenannten Europäischen Fonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) wurden der Kirchengemeinde bewilligt.
Die Förderung wird mit 50.000 Euro Eigenmitteln gegenfinanziert. Die Landeskirche habe 20.000 Euro Zuschuss zur Verfügung gestellt, freut sich der Vorsitzende des Gemeindekirchenrats. Mit angesparten Geldern und einem Kredit möchte die Kirchengemeinde das Projekt außerdem aus eigener Tasche finanzieren, berichtet Klaus Kilian. Bis Herbst werden zunächst die Fugen des Turms und die Zwischendecke erneuert sowie der Glockenstuhl herausgenommen.
Um die alten Glocken aus dem Glockenstuhl zu bekommen, müsste eigentlich ein großer Kran aufgestellt und der Turm geöffnet werden. Die Kosten würden sich die Mehringer gern sparen. Sie könnten die Glocke im Turm auch zertrennen. Doch Kilians Idee ist es, diese für die Glockenausstellung im Turm zu nutzen – sie einfach im Turm zu lassen. Eine Zwischendecke müsste dafür geöffnet und die Glocken eine Etage tiefer in die künftige Ausstellungsetage herabgelassen werden. Das wird nicht leicht. Die große Glocke hat unten einen Durchmesser von 1,7 Meter und wiegt 1,8 Tonnen.
Kilian hofft, dass zusätzliche Anträge bei der Sparkassenstiftung und Lotto-Toto bewilligt werden, um noch Geld für das Gießen einer neuen Bronzeglocke oder den Kauf einer gebrauchten Glocke zu bekommen. „Sonst sanieren wir jetzt einen Turm und haben letztendlich keine Glocke.“
Begutachtung verzögert sich
Im April hatte es einen plötzlichen Gerüstbau-Stopp gegeben, weil im Turm ein brütender Greifvogel vermutet wurde. Beim Besuch eines Experten wurden aber keine Hinweise auf einen möglichen gefiederten Untermieter gefunden.
Trotzdem möchten die Mehringer am Turm Nisthilfen für Dohlen oder Falken installieren. Wann mit den Arbeiten begonnen werden könne, stehe noch nicht fest. Die Gerüstbauer haben die Turmspitze noch nicht erreicht. Erst dann können die Schäden detailliert betrachtet und die Angebote erstellt werden, berichtet Kilian.
Bis zum Ersten Weltkrieg hatten die Mehringer drei Bronzeglocken. Die älteste stammte vom einstigen Mehringer Kloster, das nach dem Bauernkrieg wüst gefallen war und anschließend als Domäne genutzt wurde, weiß Kilian. Zwei der drei Bronzeglocken wurden im Krieg eingeschmolzen. In den 1920er Jahren wurden sie durch Stahlglocken ersetzt.
Die alte Klosterglocke wurde schließlich im Zweiten Weltkrieg abgenommen. In Hamburg sollte sie eingeschmolzen werden. „Es existiert auch noch ein Bild aus den letzten Kriegstagen in Hamburg, als sie auf dem Gelände stand“, erzählt der Gemeindekirchenratsvorsitzende. Doch nach dem Krieg kehrte sie nicht nach Mehringen zurück.
„In den 1970er Jahren hat man nochmal einen Versuch unternommen, an diese Glocke zu kommen“, erinnert er sich. Doch vergeblich. Trotz der innerdeutschen Grenze liefen die Bemühungen gut. Doch am Ende stand Ernüchterung: „Man hat uns mitgeteilt, dass die Glocke in den letzten Kriegstagen bei einem Bombenangriff zerstört worden wäre.“
Kirchenerhalt wichtig für Dorf
In der Ausstellung könnte dann nicht nur eine Glocke gezeigt, sondern auch etwas über die Geschichte der Kirche und des Klosters berichtet werden.
Auf dem Berg, auf dem die Mehringer Kirche steht, wurde schon vor dem Kirchenbau Recht gesprochen, berichtet der Gemeindekirchenratsvorsitzende. Er ist für den Ort, der einst durch die Wipper zweigeteilt war, ein wichtiger historischer Platz. Die Kirche für das Dorf zu erhalten, „ist ziemlich wichtig“, findet der Mehringer Kilian. Die Kirchengemeinde gehört zur Landeskirche Anhalt.
