Männer erobern ehemalige Frauen-Domänen. In der Kita Mehringen arbeiten gleich vier männliche Erzieher. Ihr Wirken tut gut: den Kindern und dem Team.

Fabian Winter singt und spielt die „Vogelhochzeit“. Foto: Kerstin Beier
Vertrauen und Respekt sind Morris Schnur und seinen Kolleginnen sowie Kollegen besonders wichtig. Foto: Kerstin BeierThomas Dalbard leitet beim Zeichnen an. Foto: Kerstin Beier

    Mitteldeutsche Zeitung von Kerstin Beier

    Aschersleben/mz. „Es wäre mein Traum, dass es gar kein Thema mehr sein müsste, ein männlicher Erzieher zu sein“, sagt Fabian Winter zwischen zwei Strophen der „Vogelhochzeit“. Es ist vormittags in der Kita Mehringen, einige Kinder machen es sich in kleinen Sesseln gemütlich und lauschen dem Gitarrenspiel des jungen Mannes. Fabian Winter ist einer von vier Männern, die an der Seite von zehn Kolleginnen Kinder vom Krippen- bis zum Hortalter betreuen. „Für uns Erwachsene ist das wahrscheinlich besonderer als für die Kinder“, vermutet er.

    „Übers Klischee sind wir hinweg“, sagt auch die kommissarische Leiterin der Einrichtung, Sabine Sentner. Sie mag es eigentlich nicht, wenn das Thema so herausgestellt wird. Dennoch gehört die Kita Mehringen mit ihrem hohen Männeranteil unter den Erziehern noch zu den Ausnahmen. „Aber es tut sich was, es wird mehr, dass sich Jungs mit dem Metier beschäftigen“, sagt sie.

    Manchmal eine andere Sicht

    Kitas waren jahrzehntelang eine Frauendomäne, das ändert sich gerade. Fabian Winter bestätigt das. Er hat seine Ausbildung berufsbegleitend am IWK abgeschlossen, in seiner Klasse waren acht Männer und 20 Frauen – ein deutlicher Unterschied zu der Zeit, als Sabine Sentner ausgebildet wurde und in der reine Frauenklassen üblich waren. „Unsere Männer brennen für ihren Beruf, das spürt man“, sagt die Chefin, „sie bringen Spaß in den Alltag und manchmal eine andere Sicht mit“, lobt sie das Engagement von Fabian Winter, Morris Schnur, Thomas Dalbard und Marcel Karius. „Jeder, egal ob Mann oder Frau, bringt etwas Individuelles, einen eigenen Input ein“, findet sie. Das sei gut für die Kinder, aber auch fürs Team. So wuppt Fabian Winter die Vorschulgruppe, so gehören Morris Schnur und Thomas Dalbard zu den besonders Kreativen. „Dabei dachte ich bisher immer, ich sei die Basteltante“, sagt sie mit einem Lachen. Profitieren würden alle von der Mischung aus Männern und Frauen, aus jünger und älter. Sie denkt aber auch an Familien, in denen Mütter allein erziehen. Da könnten die Männer in der Einrichtung zusätzliche Impulse setzen.

    Dass Fabian Winter als gelernter Verkäufer noch einmal umsatteln wollte, hatte einen einzigen Grund: „Ich möchte irgendwas bewirken in meinem Arbeitsleben.“ Die Arbeit mit den Kindern sei für ihn erfüllend. „Sicher ist es auch mal laut, aber es macht so viel Spaß, dass es nicht anstrengend ist. Es wird nie langweilig hier.“ Auch der 29-jährige Morris Schnur hat über Umwege zum Beruf gefunden. Nach der 10. Klasse sei er zunächst ziemlich ratlos gewesen. Er begann eine Lehre als Chemielaborant, die er nach eineinhalb Jahren abbrach – weil er die Arbeit als zunehmend monoton empfand. Er jobbte im Baumarkt, bis ein Kumpel einmal spaßeshalber zu ihm sagte: „Geh und werd’ Erzieher, du Moralapostel!“ Der Gedanke begann sich festzusetzen, nach einigem Überlegen bewarb er sich um eine Ausbildung als Sozialassistent und absolvierte Praktika in der Jugendarbeit. Es funkte umgehend. „Es war und ist schön zu sehen, wie sich die Kinder und Jugendlichen entwickeln, dass man daran teilhaben kann.“ Er schloss eine Erzieherausbildung beim Paritätischen Bildungswerk an, die vorgeschriebenen 1.200 Praxisstunden absolvierte er in der „Butze“ in Aschersleben und in der Kindereinrichtung „Arche Noah“. Drei Jahre lang leitete er die Jugendeinrichtung „Wassertormühle“ in Aschersleben. Eine schöne Zeit, wie er findet, aber irgendwann vermisste er den Austausch. „Reflexion ist wichtig in dem Beruf, und Austausch habe ich hier“, sagt er. „Ich habe tolle Kollegen und den Wechsel nicht bereut. Es ist immer schön, wenn beide Geschlechter in die Erziehung involviert sind“, findet er. Am wichtigsten sind ihm Respekt und Vertrauen, und an seiner Arbeit schätzt er vor allem, Teil von etwas Großem zu sein: „Es sind hochemotionale Momente, die man hier erlebt und die wir mit den Eltern teilen können. Ich kann die Kinder begleiten bei kleinen Erfolgen, die aber eigentlich riesig sind.“

    Hort-Rat initiiert

    Sabine Sentner hat Morris Schnur als Kollegen kennengelernt, der ruhig und sachlich auftritt und dem Mitbestimmung wichtig ist. Der Anteil der Hortkinder ist mit 74 Mädchen und Jungen besonders hoch. Um den älteren Kindern gerecht zu werden, hat er einen Hort-Rat ins Leben gerufen. Genauso gern arbeitet er aber auch mit den Kleinen, musiziert und bastelt mit ihnen. „Wir arbeiten hier situationsorientiert, das erfordert besonderes Gespür. Und das bringen alle hier mit. Egal, ob Männer oder Frauen“, sagt die Leiterin.

    Es ist fast Mittag geworden. Im Kreativraum wird noch gezeichnet und Thomas Dalbard ermuntert: „Ihr braucht mich nicht, ihr schafft das alleine.“ Nebenan formen Jungen und Mädchen kleine Teigtaschen, die sie mit Käse oder wahlweise mit Marmelade füllen. „Die gibt es zum Vesper“, verkündet einer der kleinen Bäcker und wendet sich wieder den Teigteilchen zu.