Trabi, Schwalbe und Simson
Mitteldeutsche Zeitung, 4. August 2026
1.400 Gäste schauten beim Oldtimertreffen der Zweitakt-Freunde „Blaue Fahne“ in Mehringen vorbei. Welche Schätze aus DDR-Zeiten präsentiert wurden.




Von Regine Lotzmann
Mehringen/MZ. Trabis in abenteuerlichen Lackierungen, töffelnde Lanz-Bulldogs, sogar ein altes Polizeiauto kommt angefahren, dazu Schwalben, Simsons und andere DDR-Klassiker – die meisten Zweiräder sind allerdings mit Planen abgedeckt. Denn es schüttet am Samstagvormittag wie aus Kübeln. „Regen ist bei Oldtimern der Tod“, weiß Hendrik Buchmann, Gründungsmitglied der Zweitakt-Freunde „Blaue Fahne“, die am Wochenende auf der Mehringer Insel zu einem Oldtimer-Treffen eingeladen haben.
Sonne kommt doch noch
„Die Fahrzeuge sind ja schön gepflegt und sollen nicht dreckig werden. Viele fahren da erst gar nicht los, wenn es regnet“, meint Buchmann besorgt, doch der Wettergott hat ein Einsehen. „Als mittags die Sonne rauskam, war es relativ schnell voll hier“, zeigt sich der Mehringer im Nachhinein erleichtert über 1.400 Gäste. Denn: „Wir hatten früh echt Angst, dass wir das nächste Treffen im kommenden Jahr finanziell sonst nicht mehr stemmen können.“
Der Tag ist nämlich nicht nur zum Gucken, Staunen und Zeigen da, es wird auch reichlich Unterhaltung geboten. „Wir haben Hüpfburg und Fahrgeschäfte, abends gibt es Musik vom DJ, ein Feuerwerk von MM Fireworks und eine Feuershow mit dem Elf-Verein“, zählt Buchmann auf. Für Kinder ist eine Quadstrecke aus Strohballen aufgebaut. Es gibt einen Leistungsprüfstand für die Zweiräder. „Und wir haben Spiele vorbereitet.“ Dazu zählt etwa der Motorweitwurf.
„Irgendwie ist das jedes Jahr mehr geworden“, meint Matthias Dunse, der mit seiner Frau und dem Sohn auch zu den Organisatoren gehört. „Wir haben auch immer mehr Zelte hier stehen, denn viele Oldtimer-Freunde übernachten gleich auf der Insel.“
In der kleinen Zeltstadt hocken etwa die „Moped Punx“ aus Aschersleben, eine Truppe von 25 Leuten, die alle möglichen alten DDR-Fahrzeuge wieder zusammenflickt und „alles, was das Herz begehrt“, mitgebracht hat: von einer MZ über Lanz-Bulldogs bis hin zum Schwerbehindertenfahrzeug, einer „Simson-Duo“.
„Moped Punx“ sind dabei
„Das ist ein Hobby, das sich quer durch die Gesellschaft zieht“, findet Tim, der einen alten Trabi aufgemotzt und mit zahlreichen Aufklebern, einem alten Koffer und einem historischen Ölfass auf dem Dach zum Hingucker gemacht hat. „Das hängt halt alles mit Punkrock zusammen“, meint der junge Mann, der das Fahrzeug einst einem guten Bekannten für 50 Euro abgekauft hatte. Seinem Kumpel Sven gehört eine hellgraue Schwalbe. „20 Jahre ist die bestimmt alt“, überlegt er und meint: „Die gab es damals für ’nen Appel und ’nen Kaugummi!“
Gleich gegenüber residieren die Trabantfreunde Quedlinburg. „Wir campen hier das erste Mal“, sagt Andreas Horst, dessen metallicfarbener Trabant 601 schon von weitem auffällt. „Das ist Candy Applered“, gibt er einer der wohl legendärsten Farben in der Tuning-Szene einen Namen. Und tatsächlich: Trotz Regens leuchtet sein ehemals himmelblaues Auto nun wie die rote Zuckerglasur eines kandierten Apfels.
„Es ist eine Garagenlackierung“, sagt Horst. „Das Auto habe ich vor neun Jahren gebraucht gekauft – vom Vater eines Kumpels. Ich fahre auch auf Arbeit damit. Das ist mein Alltagsauto“, erklärt der Disponent. Doch die 15-köpfige Gruppe habe trotz ihres Namens auch noch andere Schätzchen aus DDR-Zeiten dabei. „Wartburg, Barkas, Mopeds – eben alles, was zwei Takte hat“, meint Joe Wiese.
„In letzter Zeit sind wir damit oft deutschlandweit unterwegs, gerade erst in Anklam, das sich kurz vor Usedom befindet“, erzählt Wiese. „Zehn Stunden hin und acht Stunden zurück“, sagt Ramona Horst. „Das gehört halt dazu.“ Denn solche Schönheiten müssen auch gezeigt werden.
Das findet auch eine Clique junger Leute aus Groß und Klein Schierstedt sowie aus Aschersleben. Die 16- bis 19-Jährigen fahren Schwalbe, Star oder Simson S51. „Die da“, zeigt Hanna Lampe auf ein lilametallicfarbenes Zweirad, „hat mein Papa komplett aufgebaut. Es gab nur einen Rahmen.“
„Das ist auch ein kompletter Eigenbau“, erklären Fynn Eberhardt und Arne Schmidt mit Blick auf eine andere Maschine. „Es soll Simson und Chopper vereinen, so wie bei Werner Beinhart“, sagen die Teenager, die den Rahmen im Müll gefunden hatten. Vom Pfandgeld haben sie sich Ersatzteile gekauft. „Ein halbes Jahr haben wir dran gearbeitet, im Winter angefangen und sind gerade fertig geworden damit.“
Armeefahrzeug ergattert
Ein wahres Schätzchen hat Gerhard Arnhold mitgebracht: ein Trabi-Cabrio 601, Baujahr 1991. „Damals wurden in Zwickau nur 20 Stück davon in Auftrag gegeben – das waren Armeefahrzeuge“, erzählt der 72-Jährige. „Als ich in Rente gegangen bin, habe ich es gekauft, weil wir in unserem Betrieb auch so eins hatten“, meint der Neundorfer. Er bastle sehr gern daran herum, um es in Ordnung zu halten. „Ich habe in der Landwirtschaft gearbeitet und war nach der Wende Berufskraftfahrer, da musste man sich bei Schäden selbst helfen können.“
Geschichten und Geschichte, für die es auch Preise gibt. So hat Hans-Jochen Weickhardt – selbst schon 89 Jahre alt – mit seinem Kleinwagen DKW-F5/700 Meisterklasse, Baujahr 1936, den Sieg für das älteste Fahrzeug erringen können. „Und für die weiteste Anreise“, fügt Hendrik Buchmann hinzu. Der Preis für das schönste vierrädrige Fahrzeug ging für einen 500er Trabant nach Anhalt-Bitterfeld, für den besten Eigenbau an Yannik Dorge. Die Pokale dafür – nachgeahmte Motorkolben mit Pleuelstange – wurden dafür von Novo-Tech aus Aschersleben gesponsert.
